
Was ist der freie Wille? Es ist die Fähigkeit, die jeder von uns hat, Entscheidungen zu treffen. So einfach ist das. Aber was geschieht, wenn unser freier Wille von jemand anderem beeinflusst wird? Dann ist er nicht mehr frei, weil er von den Wünschen des anderen bestimmt wird. Es ist nicht mehr unsere Entscheidung, sondern die Entscheidung eines anderen, die durch uns wirkt. Diese Menschen bringen uns auf die eine oder andere Weise dazu, das zu tun, was sie wollen – aus dem Drang heraus, zu kontrollieren und immer recht zu haben. Und wir geben ihren Wünschen oft unbewusst nach, um jede Art von Konflikt zu vermeiden.
Diese gewohnheitsmäßigen Manipulatoren, denen die Angst davor, dass Situationen ihrer Kontrolle entgleiten könnten, in den Adern steckt, pflanzen uns oft Gedanken ein, die unseren Grundsätzen widersprechen. Wir lassen zu, dass sie ein Stück weit die Kontrolle über unser Leben übernehmen, weil wir fürchten, sie könnten wütend werden oder wir könnten ihnen ein schlechtes Gefühl geben.
Aber wer weiß besser als wir selbst, was gut für uns ist? Ich gebe euch ein Beispiel. Vor einiger Zeit ging eine „Freundin einer Freundin“ mit einem jungen Mann aus, der sehr freundlich, aufmerksam, hilfsbereit und liebevoll war. Natürlich war er sehr höflich zu ihr. Doch obwohl sie viel und häufig miteinander sprachen, hielt sie etwas tief in ihrem Inneren davon ab, über eine einfache Freundschaft hinauszugehen, so sehr er auch darauf drängte. So blieb die Beziehung für etwas weniger als sechs Monate. Ganz am Anfang dieser „Freundschaft“ gingen sie allerdings in ein Restaurant, wo sie eine Freundin traf, die sie lange nicht gesehen hatte. Sie unterhielten sich eine Weile, tauschten Telefonnummern aus, und dabei blieb es.
Ein paar Monate später stand ihre Beziehung zu diesem jungen Mann noch immer an derselben Stelle, weil etwas tief in ihr sie nicht weitergehen ließ. Da bekommt sie einen Anruf von besagter Freundin, die sie auf einen gemeinsamen Kaffee einlädt. Sie nimmt an. Diese Freundin hatte das Treffen geplant, um ihr wegen ihres „gemeinsamen Freundes“ Vorwürfe zu machen. Er hatte mit der Frau, die ihr nun diese Vorwürfe machte, eine Beziehung begonnen, nachdem er im Restaurant an ihre Nummer gekommen war, und sie mit einer Nachbarin betrogen. Dabei sei erwähnt: Als dieses Kaffeetreffen stattfand, drängte der junge Mann weiterhin auf eine Liebesbeziehung mit meiner Freundin. Ihr fragt euch vielleicht: Worauf will ich damit hinaus? Was wäre geschehen, wenn sie ihre Intuition ignoriert hätte, die ihr sagte, dass ihr etwas an ihm nicht gefiel, ohne dass sie schon wusste, was es war? Was wäre, wenn sie seinen Wünschen nachgegeben und ihren eigenen Willen ausgeschaltet hätte, um das zu tun, was er wollte? Sie wäre in eine Liebesverstrickung zu viert geraten, die keinem von uns zu empfehlen ist.
Hören wir mehr auf unsere Intuition. Lauschen wir in der Stille auf das, was sie uns sagen will. Meistens wird sie uns von Gefahren, Konflikten und unangenehmen Situationen fernhalten, die gerade bevorstehen. Lassen wir uns bei unseren Entscheidungen von ihr leiten. Sie weiß sicher besser, was gut für uns ist, als jene Außenstehenden, die uns übergehen, uns keinen Raum lassen, uns unterschätzen und unseren Willen untergraben, um ihr Ego zu nähren und uns zu einem Teil des Gefolges zu machen, das sie in ihrem Kontrollbedürfnis um sich scharen.
Den Wünschen eines anderen nachzugeben, obwohl etwas tief in dir Nein sagt, heißt, deinen eigenen Willen auszuschalten.
„Der Mensch neigt dazu, seinen eigenen freien Willen hinter seiner vermeintlichen Willensschwäche zu verbergen.“
Viktor Emil Frankl