
Die meisten von uns haben schon einmal versucht, eine Hose anzuziehen, nachdem ein paar Kilos dazugekommen waren. Obwohl sie sich eng anfühlt, versuchen wir hineinzukommen, notfalls mit Gewalt.
Genauso ist es mit einem Paar Schuhen: den schönsten, die wir je gesehen haben. Sie passen zu dem Kleid, das wir so lieben, oder eignen sich für einen besonders wichtigen Anlass. Wir ziehen sie an, auch wenn wir unsere Füße hineinzwingen müssen, und wenn wir zurückkommen, tun uns die Füße höllisch weh.
Mit Menschen ist es genauso. Du lernst jemanden kennen und irgendetwas stört dich, auch wenn du noch nicht weißt, was. Trotzdem entscheidest du dich, mit dieser Person zusammen zu sein – wegen deiner Freunde, ihrer finanziellen Stellung oder aus Sorge darüber, was die Leute sagen könnten. Damit erzwingst du diese Beziehung. Früher oder später wird sie dich wund scheuern wie jene Schuhe, die du nur angezogen hast, weil sie gut aussahen, und nicht, weil sie dir gut passten.
Wenn du mit einem Freund oder einem Kollegen diskutierst, der anders denkt, und deine Vorstellungen nur durchsetzen willst, um recht zu behalten, erzwingst du ebenfalls etwas. Du versuchst, deine Idee mit Gewalt in einen Geist zu pressen, der noch nicht bereit ist, sich formen zu lassen.
Bei der Hose, die dir zu eng ist, wird es die Lage nicht verbessern, dich mit Gewalt hineinzuzwängen. Etwas Geduld, eine Anpassung deiner Ernährung und bessere Essgewohnheiten schon. Nicht aber, dich hineinzupressen und den ganzen Tag nicht richtig atmen zu können.
Eine Schuhgröße mehr nimmt dem Paar nichts von seiner Pracht. Schönheit liegt im Auge des Betrachters.
Mit Menschen ist es genauso. Wenn du ihnen und dir selbst zuhörst, wirst du merken, dass sie deine Perspektive nicht sehen können. Sie sind noch nicht bereit, wissen nicht, was du weißt, haben nicht erlebt, was du erlebt hast. Selbst wenn sie denselben Bildungsabschluss haben wie du, haben sie nicht gelernt, was du gelernt hast. Ihr Geist ist noch nicht bereit, er ist verschlossen, und mit Zwang wirst du nur auf Widerstand stoßen. Es ist, als wolltest du die Früchte eines Baumes pflücken, bevor sie reif sind. Alles braucht seinen Entwicklungsprozess.
Wer Dinge oder Situationen erzwingt, schafft keine dauerhaften positiven Veränderungen. Es entsteht nur die vorübergehende Befriedigung, sich durchgesetzt zu haben, und das eigene Ego wird genährt. Die Folgen lassen nicht lange auf sich warten, und du wirst den bitteren Geschmack einer Frucht zu spüren bekommen, die du zur falschen Zeit geerntet hast.
Wenn du in einer Situation dauerhafte positive Veränderungen bewirken möchtest, höre zu, lächle, sage deine Meinung, lächle wieder, atme und warte einen Moment. Ist niemand dafür empfänglich? Dann zieh dich zurück. Hab Geduld. Sie werden zu dir zurückkommen, wenn sie so weit sind. Bald wird auch für sie die Zeit kommen, das zu sehen, was du siehst. Der Kreislauf wird sich wiederholen, und dann werden sie lernen müssen, nichts mehr zu erzwingen.
„Geduld hat mehr Macht als Gewalt.“
Plutarch